Sagen sie mal, Noomi
Heute: 14.12.2005
Aktuelle Ausgabe: 50 - vom: 11.12.2005
Diese Meldung:
Ausgabe: 22 - vom: 29.05.2005
Sagen Sie mal, Noomi...
Interviews mit Personen der Bibel (122)
Warum lieben manchmal loslassen heißt
Foto: akg
»Ruth und Naëmi auf dem Acker des Boas«, Scorel-Nachfolge, Maarten van Heemskerck (1498-1574), um 1530, Kunsthistorisches Museum Wien.
...weshalb haben Sie sich eigentlich so vehement dagegen gewehrt, dass Ihre beiden Schwiegertöchter mit Ihnen nach Bethlehem ziehen wollten?
Noomi: Manchmal kann ein Abschied heilsamer sein als das Zusammenbleiben. Es klingt zugegeben etwas altklug, aber als erfahrene Frau kann ich mir diesen Satz erlauben: Lieben heißt loslassen können.
Ihre beiden Schwiegertöchter liebten sie sehr.
Noomi: Ohne Zweifel. Unser Schicksal hatte uns mehrmals zusammengeschweißt. Zunächst, als meine beiden Söhne ihre Frauen kennen gelernt hatten. Wir waren ja in der Fremde, mein Mann und ich sorgten uns, ob unsere Kinder glücklich würden in Moab. Eines Tages stellten sie uns Rut und Orpa vor. Ein Mädchen hübscher und anmutiger als das andere. Stolze Ehefrauen - und prachtvolle Schwiegertöchter.
Dann griff der Tod in Ihre glückliche Auswandererfamilie ein.
Noomi: Ja. Nach kurzer Zeit starb mein geliebter Mann Elimelech. Meine Söhne und Schwiegertöchter kümmerten sich liebevoll um mich, so dass ich die Trauer halbwegs überwinden konnte. Als ich mich mit meinem Witwen-Dasein arrangiert hatte, schlug der Tod ein zweites und ein drittes Mal zu. Binnen weniger Wochen riss er meine Söhne aus dem Leben.
Ein hartes Schicksal.
Noomi: Absolut. In meiner Verzweiflung versuchte ich, meine Schwiegertöchter zu trösten, doch es gelang mir nur schwer. Unzählige Tränen flossen, unzählige Nächte hindurch drang Schluchzen durch unser Haus. Plötzlich waren wir drei zu Witwen geworden. Da die Ehen meiner Söhne kinderlos geblieben waren, hatten wir keine Aufgabe, die uns etwas ablenken hätte können.
Wenn Sie das so erzählen, wird es mir noch schwerer nachvollziehbar, weshalb Sie Ihre Schwiegertöchter alleine lassen wollten.
Noomi: Wir liebten uns sehr - vielleicht war es gerade diese große Nähe, die es uns unmöglich machte, uns aus unserer Trauer zu befreien. Es klingt paradox: Weil wir uns so mochten, mussten wir uns trennen.
Meinten Sie. Eine Ihrer Schwiegertöchter blieb hartnäckig.
Noomi: Bemerkenswert, ja. Rut hatte einen moabitischen Dickkopf. Orpa hatte zähneknirschend meinen Rat befolgt und war zu ihrer Mutter zurückgegangen. »Kehre auch du um, deiner Schwägerin nach«, sagte ich zu Rut. Es nützte nichts.
Mit einem bis heute bekannten Spruch erweichte sie Ihr Herz: »Wo Du hingehst, da will ich auch hingehen, wo du bleibst, da bleibe ich auch.«
Noomi: Es sind nicht nur die Worte, die mich überzeugt haben, es war auch der Blick. Diese Aufrichtigkeit...
...ließ Sie von Ihren Prinzipien abweichen.
Noomi: Zugegeben, ja. Ich bin auch nur ein Mensch. Überzeugt war ich davon, dass auch Rut ohne mich zurechtkommen müsse. Doch als sie bittend vor mir stand, brach mir fast das Herz. Ich konnte sie einfach nicht fortschicken. Obwohl ich mir das Leben in der Fremde für sie schwierig vorstellte.
Eine Fehleinschätzung, wie sich herausstellte.
Noomi: Sie haben Recht. Rut wurde mit einem anderen Mann wieder glücklich.
Und verschaffte Ihnen sogar bis dahin unbekannte großmütterliche Freuden.
Noomi: Gott sei Dank, ja! Boas tröstete Rut in ihrer Trauer; mein Enkelsohn Obed half mir, die bitteren Erinnerungen auszulöschen.
Manchmal kann Zusammenbleiben eben doch heilsamer sein, als Abschied zu nehmen.
Noomi: Offensichtlich, ja
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ZUR PERSON
Noomi (hebr., »die Liebliche«) war mit ihrem Mann Elimelech und ihren Söhnen Kiljon und Machlon während einer Hungersnot aus Israel nach Moab ausgewandert. Die beiden Söhne heirateten dort die Moabiterinnen Orpa und Rut. Als sowohl Elimelech als auch die Söhne sterben, will Noomi in ihre Heimat zurückkehren. Die Schwiegertöchter wollen mit ihr gehen - doch Noomi bittet sie, in Moab zu bleiben. Ruts Hartnäckigkeit erweicht sie schließlich; gemeinsam gehen sie nach Bethlehem. Dort heiratet die kinderlose Rut ihren Verwandten Boas, Noomi wird Großmutter.
QUELLE: Buch Rut (Nachschlagen bei » bibel-online.net: Buch Rut
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Uwe Birnstein
/news/aktuell/2005_22_21_01.htm
abgerufen 14.12.2005 - 22:36 Uhr
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